Grafschaft Hennegau
fränkische Gaugrafschaft, historisches Territorium auf dem Gebiet Belgiens und Frankreichs
er Hennegau war ursprünglich eine fränkische Gaugrafschaft. In römischer Zeit gehörte das Gebiet zur Silva carbonaria und war die Heimat der Nervier. Um eine gallo-römische Stadt bildete sich ein Bezirk, der etwa dem späteren Bistum Cambrai entsprach; in dessen Mitte lag das spätrömische Castrum Famars. Im Frühmittelalter wurde die Gegend noch als pagus Fanomartensis bezeichnet, bis im 8. Jahrhundert der Name Hennegau die ältere Bezeichnung verdrängte. Seit dem 10. Jahrhundert beherrschten Grafen aus dem Geschlecht der Regnier, mit Sitz in Mons, diesen westlichen Teil Niederlothringens.
Die Grafschaft Hennegau entstand aus der Vereinigung dreier Reichslehen: der 998 von Reginar IV. erworbenen Grafschaft Bergen, der um 1024 von Reginar V. von Bergen erworbenen südlichen Grafschaft aus dem Brabantgau und der 1047 zugewiesenen Markgrafschaft Valenciennes. Richilde von Hennegau brachte diese Grafschaften in ihre Ehen ein, zunächst mit Graf Hermann von Bergen, nach dessen Tod 1051 mit Graf Balduin VI. von Flandern. Nach ihrer Niederlage in der Schlacht von Cassel 1071 versuchte Richilde, ihre Besitzungen beim deutschen König Heinrich IV. zu Geld zu machen. Bischof Dietwin von Lüttich kaufte die Lehnshoheit und gab die Lehen an den Herzog von Niederlothringen weiter, der sie wiederum Richilde zu Lehen gab. Durch diese Refeodalization ging die Reichsunmittelbarkeit der Grafschaft verloren.
Durch seine Heirat mit Margarete von Elsass und Flandern vereinigte Balduin V. von Hennegau 1191 die Grafschaft zum zweiten Mal mit Flandern und Namur. Ein Sprössling dieser Ehe, Balduin VI., wurde 1204 erster lateinischer Kaiser zu Konstantinopel. Nach langwierigen Erbstreitigkeiten zwischen den Kindern seiner Töchter fiel 1279 der Hennegau an Johann II., der 1299 auch die Grafschaft Holland erwarb. Mit Wilhelm II. erlosch 1345 die männliche Linie der Avesnes; durch die Heirat von Margarethe, Tochter Wilhelms I., mit Kaiser Ludwig dem Bayern kam der Hennegau samt Holland und Zeeland an das Haus Wittelsbach. Über Jakoba von Bayern und Philipp den Guten von Burgund gelangte der Hennegau 1477 mit der burgundischen Erbschaft an das Haus Habsburg, wo er von 1556 bis 1713 bei der spanischen, danach bis zur Französischen Revolution bei der österreichischen Linie blieb.
Valenciennes war die erste Stadt der spanischen Niederlande, der im Bürgerkrieg gegen die spanische Herrschaft eine Besatzung durch spanische Truppen zugedacht wurde, da die Calvinisten dort durch die Nähe zu Frankreich besonders stark waren. Friedrich Schiller merkt an, es sei damals ein Sprichwort im Hennegau gewesen, die Provinz stehe nur unter Gott und unter der Sonne. Nach dem Pyrenäenfrieden 1659 und dem Frieden von Nimwegen 1678 kam der heute zum französischen Département Nord gehörige südliche Teil des Hennegau mit seiner Hauptstadt Valenciennes an Frankreich. Aus dem übrigen Hennegau wurde 1815 durch Einverleibung weiterer Gebiete die zunächst niederländische, ab 1830 belgische Provinz Hennegau gebildet.