Tacitus
römischer Historiograph und Senator
acitus beschrieb in seinen Annalen eingehend den Krieg gegen die Germanen und unterschied sich von zeitgenössischen Autoren durch bittere Kritik am Ausgang dieses Krieges. Für die Germanicusfeldzüge erlaubt seine Darstellung nur bedingt eine sachliche Rekonstruktion; die Ziele der einzelnen Feldzüge bleiben unklar. Zentral ist der Gegensatz zwischen dem Helden Germanicus und dem Tyrannen Tiberius. Tacitus erzeugt die Vorstellung, Rom habe bereits unter Augustus das Ziel aufgegeben, die Herrschaft über Germanien bis an die Elbe wiederherzustellen. Für ihn begann der germanische Krieg im Herbst 14 und endete im Herbst 16, eine Auffassung, der die moderne Geschichtsschreibung teils gefolgt ist. Seine Germania, vermutlich 98 unter dem Titel De origine et situ Germanorum veröffentlicht, gibt Einblick in Leben und Stammstruktur der Germanen im ersten Jahrhundert nach Christus.
Tacitus überliefert im 15. Buch der Annalen ein außerbiblisches Zeugnis über das frühe Christentum. Er schreibt über den Brand Roms im Jahr 64 nach Christus und über Neros Versuch, den Christen die Schuld dafür zuzuschieben. Zum Namen der Christen erklärt er, dieser stamme von Christus, der unter Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden sei. In den ältesten Handschriften stehen statt Christus und Christiani die Formen Chrestus und Chrestiani, was in der älteren Forschung für Verwirrung sorgte. Die Bezeichnung Pilatus als Procurator ist unzutreffend, da er eigentlich praefectus iudaeae war, wobei Tacitus diese Amtsbezeichnungen sonst genau unterscheidet. Da sich ein direkter Zusammenhang zwischen Brand und Verfolgung bis zum 5. nachchristlichen Jahrhundert bei keinem Autor findet, wird diskutiert, ob die Passage eine nachträgliche Einfügung ist.
In der Antike fand Tacitus trotz zeitgenössischen Ruhms relativ wenig Beachtung; mit dem Erfolg Suetons erlosch die senatorische Form der Geschichtsschreibung, und im lateinischen Westen dominierte fortan das Genre der Kaiserbiographien. Ammianus Marcellinus schloss im späten 4. Jahrhundert bewusst an Tacitus an und wird von manchen Historikern als sein literarischer Erbe gesehen. Im Mittelalter gerieten die Schriften fast völlig in Vergessenheit, doch nutzte Rudolf von Fulda die Germania in der Einleitung zur Translatio sancti Alexandri, um die Sachsen des 9. Jahrhunderts mit der tacitischen Germanencharakteristik fast wörtlich zu beschreiben. In der Zeit des Humanismus im 15. und 16. Jahrhundert wurden Tacitus’ Schriften, vor allem die Germania und die Arminius-Kapitel der Annalen, nach ihrer Wiederauffindung zur Grundlage eines entstehenden Nationalbewusstseins, wobei Arminius zum deutschen Nationalhelden wurde.