Westfälisches System
politische Ordnung, Grundlage der europäische Staatstheorie
as System beruht auf drei Prinzipien. Nach dem Souveränitätsprinzip ist jeder Staat souverän, keiner Instanz übergeordnet, und zwischen den Staaten herrscht Selbsthilfe beziehungsweise Anarchie. Das Territorialprinzip besagt, dass Staaten klare Grenzen haben, innerhalb derer sie das Gewaltmonopol besitzen. Das Legalitätsprinzip macht die Staaten untereinander gleichberechtigt, wobei Krieg als Mittel der Interessendurchsetzung als legitim gilt. Das nach dem Zweiten Weltkrieg ausgehandelte Gewaltverbot in der Charta der Vereinten Nationen und die Beschränkung staatlicher Souveränität durch die fortschreitende Universalisierung der Menschenrechte gelten als Indizien dafür, dass das Westfälische System weiterentwickelt worden ist.
Kennzeichnend für das System ist, dass das internationale System ein System von Staaten ist, wobei der Staat als alleiniger Akteur gilt. Monarch oder Regierung vertreten den Staat mit seiner Bevölkerung nach außen. Staaten sind prinzipiell souverän und völkerrechtlich gleich, das Völkerrecht ist das Recht der Staaten, und Staaten werden von der Staatsräson geleitet. Die Kommunikation zwischen ihnen erfolgt durch Diplomatie, das System strebt nach Machtgleichgewicht durch Allianzen- und Gegenmachtbildung, und Krieg gehört zur Normalität des Staatensystems. Diese Kennzeichen lassen sich mit modernen Theorien der Internationalen Beziehungen verbinden, etwa mit dem Neorealismus nach Kenneth Waltz und dem Realismus nach Hans Morgenthau, die ähnliche Grundannahmen machen.
In der Geschichtswissenschaft wird der Begriff kritisch gesehen, da er den Prozess der Nationalstaatswerdung zu sehr auf einen Zeitraum einenge und durch die tatsächlichen Beschlüsse des Friedenskongresses von Münster und Osnabrück nicht gedeckt werde. Die Politikwissenschaft hält dem entgegen, dass allein das empirische Faktum zähle, dass zwischenstaatliche Beziehungen seit 1648 nach dieser Handlungslogik funktionieren. 1999 erschien posthum ein Artikel von Susan Strange mit dem Titel The Westfailure System, dessen Tenor war, das System der Nationalstaaten habe bei der Bewältigung der Finanzkrise in Asien 1997/98 versagt. 2003 und 2007 legte Benno Teschke eine umfangreiche Kritik des Konzepts vor. Auch stellen Rechtswissenschaftler die Anwendbarkeit des westfälischen Systems auf die Steuerung des Cyberspace infrage, etwa Lusine Vardanyan und Hovsep Kocharyan von der Universität Palacký in Olmütz, die eine Neubestimmung des Territoriumsbegriffs im digitalen Raum fordern.