Daniel
Person aus der Hebräischen Bibel, Protagonist des Buches Daniel
Die Datierungsfrage
ange galt Daniel als historischer Autor, weshalb man das Buch auf die Zeit um 539 v. Chr. datierte. Schon Porphyrios setzte die Entstehung jedoch in die Zeit des Antiochos im 2. Jahrhundert v. Chr. an. Wechsel der Erzählperspektive, Sprachwechsel und griechische Zusätze sprechen für einen längeren Entstehungsprozess. Auch inhaltliche Widersprüche fallen auf: Nach Dan 1,5 sollte Daniel drei Jahre ausgebildet werden, nach 2,1.25 diente er aber schon im zweiten Jahr. Belšazar wird in Dan 5,1 f. und 7,1 als Sohn Nebukadnezars bezeichnet, war tatsächlich aber der Sohn Nabonids, der als fünfter Herrscher nach Nebukadnezar den Thron bestiegen hatte, nachdem sein Vorgänger Lābāši-Marduk ermordet worden war.
Die theologische Deutung
Das Danielbuch ist die einzige vollständige jüdische Apokalypse im Tanach; diese Gattung findet sich sonst nur in einzelnen Kapiteln wie Jes 24–27, Jes 33 und Sach 1,7–6,8. Nach dem Untergang des jüdischen Königtums und langer Fremdherrschaft weiten die Autoren die Perspektive auf die gesamte Weltgeschichte aus und beanspruchen, Gottes Plan und dessen Endziel zu erkennen. Die Abfolge der Weltreiche laufe unweigerlich auf das Endgericht Gottes zu, der jede Gewaltherrschaft befriste und durch seine unvergängliche Herrschaft ablöse. Der Versuch von Antiochus IV., einen Altaraufsatz für Zeus im Jerusalemer Tempel aufzustellen und ihn so mit JHWH zu identifizieren, scheiterte und galt toratreuen Juden als todeswürdige Blasphemie.
Die Wirkung im Urchristentum
Jesus von Nazaret kannte und zitierte Daniels Vision vom Endgericht über die Weltreiche und vom Menschensohn. Er verkündete nicht nur wie Israels Propheten die kommende Gottesherrschaft, sondern auch wie Daniel das Kommen des Menschensohns, und machte diesen Hoheitstitel zur Selbstbezeichnung. Zugleich veränderte er die apokalyptische Erwartung: Der Menschensohn sei nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben. Die Offenbarung des Johannes, während einer Christenverfolgung als einzige apokalyptische Schrift des Neuen Testaments entstanden, greift die Bildmotive und Zahlensymbolik von Dan 7 bis 11 auf und bezieht das Tier aus dem Abgrund auf das römische Weltreich.
Die kirchliche Überlieferung
Das Christentum rechnet Daniel zu den großen Propheten und stellt das Buch im Alten Testament meist nach Jesaja, Jeremia und Ezechiel. Katholische und orthodoxe Kirchen folgten der Septuaginta und übernahmen auch deren Zusätze in ihren Bibelkanon, während die evangelischen Kirchen dem masoretischen Text folgten und die Zusätze gesondert überlieferten. Seit dem Mittelalter wird das Buch in zwölf beziehungsweise vierzehn Kapitel unterteilt. Die orthodoxen Kirchen legten ihre Gedenktage an Daniel und die drei Männer im Feuerofen auf den 17. Dezember und den Sonntag der heiligen Vorfahren; auch die Lutheran Church – Missouri Synod und die Armenische Apostolische Kirche erinnern am 17. Dezember an sie.