Gottesfriede
Friedensbewegung
er Gottesfriede sollte Fehdehandlungen gegen wehrlose Personen wie Geistliche, Bauern, Arme, Frauen und Kaufleute verhindern, ebenso gegen Orte wie Kirchen, Friedhöfe und öffentliche Plätze sowie gegen Objekte wie Vieh, Ernte und Brücken. Die später hinzugekommene Treuga Dei verbot Kriegsführung an bestimmten Wochentagen, etwa donnerstags bis sonntags, sowie zu Festzeiten des Kirchenjahres wie Fastenzeiten oder Advent bis zur Epiphaniasoktav. Beschlossen wurde der Gottesfriede von Bischöfen gemeinsam mit weltlichen Herrschaftsträgern und durch Eid bekräftigt, abgesichert durch die Androhung von Exkommunikation und die Bereitschaft, Übertretungen notfalls gewaltsam zu ahnden. Seine Wiege lag in der Auvergne in Frankreich im 10. Jahrhundert. Da alte weltliche Institutionen im 10. und vor allem 11. Jahrhundert die öffentliche Ordnung nicht mehr garantieren konnten, bildete die Kirche neue Exekutivorgane, die sogenannten Pax-Milizen. Bekämpft wurde vor allem der mittlere und niedere Adel, während die Kirche mit dem Hochadel zusammenarbeitete, auf dessen Einvernehmen sie angewiesen war.
Durch die Diözesanmilizen erhielt der Gottesfriede in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts eine weitere Funktion: Die Heere wurden nun auch gegen Störungen der innerchristlichen Ordnung eingesetzt und wurden so zu einem umfassenden Machtinstrument der Landesherren. Mit dem Regierungsantritt Ludwigs VI. im Jahre 1108 ging die alte Friedensbewegung im französischen Raum allmählich zu Ende, da der König das Gleichgewicht der Gewalten zerstörte, das ihre Entstehung begünstigt hatte. Zugleich stellte das Bürgertum von unten gegen den Willen von Adel und Geistlichkeit eigene Machtansprüche. Am Ende gewann die Zentralgewalt die Oberhand und machte sich selbst zum Schieds- und Friedensrichter, während die Kirchen zunehmend den Königsschutz genossen und den Gottesfrieden nicht mehr benötigten. In Deutschland diente der Gottesfriede als Vorbild für die späteren deutschen Landfrieden, die auf Provinzialebene von den Landesfürsten und auf Reichsebene vom deutschen König geschlossen wurden, wobei Geistlichkeit und Weltlichkeit weiter zusammenarbeiteten.
Die Interpretation dieser Entwicklung im Hochmittelalter ist unter Historikern umstritten. Dominique Barthélemy vertrat die Auffassung, die Gottesfriedensbewegung sei ein Mythos, den der Historiker Ernest Sémichon mit seinem 1857 in Paris erschienenen Buch La paix et la trêve de Dieu eingeführt habe und der seither der katholischen Apologetik gedient habe. Bis dahin habe man richtiger, entsprechend den Ansichten des 11. Jahrhunderts, die treuga Dei hervorgehoben.