Heinrich I. (Ostfrankenreich)
Ostfränkischer König (919-936)
Herkunft
äterlicherseits lässt sich die Familie nur bis zu Heinrichs Großvater Liudolf zurückverfolgen. Dieser ist mehrfach als comes belegt und hatte königliche Rechte in einer Grafschaft auszuüben. Die Güter der Liudolfinger lagen an den westlichen Ausläufern des Harzes, an Leine und Nette mit Gandersheim, Brunshausen, Grone und möglicherweise Dahlum und Anhausen. Den Reichtum verdankte das Geschlecht zu einem großen Teil der engen Verbindung zu den karolingischen Königen, da die Vorfahren Liudolfs im Sachsenkrieg nicht zu den Gegnern Karls des Großen gehört hatten. Zentren der familiären Memoria waren die Frauenkommunitäten in Brunshausen und ab 881 im Stift Gandersheim. Heinrichs Vater Otto, genannt der Erlauchte, wurde Laienabt des Reichsklosters Hersfeld und ist der einzige bezeugte Laienabt im ostfränkischen Reich. Er war mit Hadwig aus dem Geschlecht der älteren Babenberger verheiratet.
Ein engeres verwandtschaftliches Verhältnis bestand zwischen Otto dem Erlauchten und den Karolingern Ludwig dem Jüngeren und Arnulf von Kärnten. 897 heirateten Ottos Tochter Oda und Arnulfs illegitimer Sohn Zwentibold. Bereits zu Lebzeiten Ottos wird eine stärkere Konzentration auf Sachsen deutlich. Spätestens im Frühjahr 906 übertrug er Heinrich ein militärisches Kommando gegen die slawischen Daleminzier im Raum um Meißen. Aus der Babenberger Fehde gingen die Konradiner als Sieger hervor und übernahmen die dominante Rolle am Königshof, während die Königsnähe der Liudolfinger verloren ging. Heinrich vermählte sich mit Hatheburg, einer Tochter des sächsischen Adligen Erwin von Merseburg. Gegen diese Ehe, aus der der Sohn Thankmar hervorging, bestanden kirchenrechtliche Bedenken. Hatheburg wurde ins Kloster zurückgeschickt, ihr Erbe behielt Heinrich. 909 heiratete der 33-jährige Heinrich in der Königspfalz Wallhausen die wohl erst 13-jährige Mathilde, eine Nachfahrin des Sachsenherzogs Widukind.
Herzog von Sachsen
Nach dem Tod Ottos des Erlauchten am 30. November 912 gestaltete der neue König Konrad I. die Verhältnisse in Sachsen um. Dem Reichskloster Hersfeld sicherte Konrad am 18. Februar 913 in Kassel die freie Abtwahl zu. Heinrich konnte die Nachfolge seines Vaters als Laienabt nicht antreten. Widukind von Corvey zufolge lehnte Konrad es ab, Heinrich die ganze Macht des Vaters zu übertragen. Konrad sandte seinen Bruder Eberhard mit einem Heer nach Sachsen, das geschlagen wurde. 915 trafen die Heere von Konrad und Heinrich bei Grone westlich von Göttingen aufeinander. Heinrich war unterlegen und scheint sich unterworfen zu haben. Beide einigten sich auf die Anerkennung des status quo und die gegenseitige Respektierung der Einflusszonen. Konrad zog sich eine schwere Verwundung zu, der er am 23. Dezember 918 erlag.
Die Nachfolge Konrads
Liutprand von Cremona, Adalbert von Magdeburg und Widukind von Corvey schildern den Herrschaftsübergang gleich: König Konrad selbst habe vor seinem Tod den Auftrag gegeben, Heinrich die Königswürde anzutragen und ihm die Insignien zu überbringen. Sein Bruder Eberhard habe dies ausgeführt. Nach Widukind soll der sterbende König Eberhard befohlen haben, auf den Thron zu verzichten und die Insignien höchster Staatsgewalt aus Mangel an fortuna und mores dem Sachsenherzog zu übertragen. Ob es eine Designation gegeben hat, ist in der Forschung umstritten. Gegen eine öffentliche Designation spricht die ungewöhnlich lange Thronvakanz von etwa fünf Monaten, bevor es zwischen dem 14. und 24. Mai 919 in Fritzlar zur Erhebung Heinrichs zum König kam.
Königserhebung in Fritzlar
In der Königspfalz Fritzlar im fränkisch-sächsischen Grenzbereich wurde Heinrich im Mai 919 von Franken und Sachsen zum König erhoben. Als amicus regis und Herzog von Franken blieb Eberhard bis zum Tod Heinrichs einer der wichtigsten Männer im Reich. Nach Widukinds vieldiskutiertem Salbungsverzicht erkannte Eberhard vor den versammelten Franken und Sachsen Heinrich als König an. Als ihm der Mainzer Erzbischof Heriger die Salbung mit der Krönung angeboten habe, soll Heinrich geantwortet haben: „Es genügt mir […] vor meinen Vorfahren das voraus zu haben, daß ich König heiße und dazu ernannt worden bin.“ Salbung und Krönung sollten Würdigeren vorbehalten bleiben.
Das Reich bei Heinrichs Antritt
Innere und äußere Bedrohungen und eine schwache karolingische Königsgewalt förderten zu Beginn des 10. Jahrhunderts das Bestreben der Großen, ihre Macht in den einzelnen regna zu verfestigen. In Lothringen, Schwaben und Franken wurden Adelsfehden um die regionale Führungsrolle geführt. Konrad konnte seine Königsherrschaft weder in Schwaben noch in Bayern durchsetzen und blieb am Ende ganz auf Franken beschränkt; den Verlust Lothringens an Karl den Einfältigen verhinderte er nicht. Heinrichs dringendste Aufgabe war es, sein Verhältnis zu den Adelsgruppen zu regeln und den Adel wieder mit dem Königtum zu verbinden. Zugleich erschütterten die Ungarneinfälle Frieden und Stabilität. Seit dem Ende des 9. Jahrhunderts bedrohten die Ungarn zunächst den Osten des Reiches, später auch Bayern, Schwaben, Lothringen und Sachsen. Die lokalen Gewalten standen ihnen bis in die 920er Jahre weitgehend machtlos gegenüber.
Schwaben
Laut Widukind brach Heinrich gleich nach der Wahl zu einem Feldzug gegen Burkhard von Schwaben auf. Obwohl Heinrich sich bei einem Ungarneinfall 919 nicht behaupten konnte, scheint sich Burkhard noch im selben Jahr mit allen seinen Burgen und seinem ganzen Volk dem neuen König unterstellt zu haben. Heinrich begnügte sich mit der Vasallität des Herzogs und verzichtete auf die direkte Herrschaftsausübung in Schwaben, wobei er Burkhard die Verfügungsgewalt über den Fiskus und königliche Rechte über die Reichskirchen überließ. Bis zu Burkhards Tod hat Heinrich Schwaben nicht mehr betreten. Nach Burkhards Tod im Jahr 926 setzte Heinrich mit dem Konradiner Hermann einen Landfremden als Herzog ein, statt den unmündigen Sohn Burkhards zu ernennen. Hermann war ohne eigene Hausmacht viel stärker von Heinrich abhängig, und Heinrich konnte die Kirchenherrschaft an sich ziehen.
Bayern
Schwieriger war die Anerkennung seines Königtums bei Arnulf von Bayern, der seit 918 de facto eine Art Königsgewalt ausübte. Wohl erst nach einem zweiten Kriegszug war Arnulf zur Anerkennung bereit. Er öffnete die Tore Regensburgs, zog zu Heinrich hinaus, unterwarf sich ihm und wurde „Freund des Königs“ genannt. Heinrich überließ Arnulf das Recht zur Vergabe von Bistümern und den Fiskus mit der bedeutenden Regensburger Pfalz. Arnulf unterstützte Heinrich bei dessen Kriegszügen gegen Böhmen und Ungarn.
Gewinn Lothringens
Am 7. November 921 schloss Heinrich mit Karl dem Einfältigen auf einem Schiff mitten auf dem Rhein bei Bonn ein Freundschaftsbündnis, das die gegenseitige Anerkennung der Königsherrschaft und des territorialen Status quo umfasste. 922 änderte sich die Lage mit der Erhebung Herzog Roberts von Franzien zum Gegenkönig. Karl wurde gefangen genommen, an Roberts Stelle wurde Rudolf von Burgund 923 zum Gegenkönig erhoben. Nach mehreren Feldzügen erkannte 925 der bedeutendste lothringische Große Giselbert Heinrichs Herrschaft an; Ende 925 unterstellten sich alle Großen Lothringens. Aus späterer Rückschau wurde Lothringen so zum fünften Herzogtum des Ostfrankenreichs. Den Prozess schloss die Vermählung von Heinrichs Tochter Gerberga 928/29 mit Giselbert ab. Die Geschichtswissenschaft schlussfolgert, dass Rudolf II. von Burgund die Heilige Lanze auf dem Wormser Hoftag im Jahr 929 übergeben habe.
Abwehr der Ungarn
Den einfallenden Ungarn stand Heinrich 924 und 926 machtlos gegenüber. Durch einen glücklichen Zufall gelang es, einen ungarischen Fürsten gefangen zu nehmen; für dessen Freilassung ließen sich die Ungarn auf einen neunjährigen Waffenstillstand ein. Tribute mussten trotzdem gezahlt werden. Auf dem Wormser Hoftag wurden im November 926 Maßnahmen zur Ungarnabwehr vereinbart. Feste und Versammlungen sollten nur noch in geschützten Burgen abgehalten werden. Als zweite Maßnahme wurden in Sachsen unter den ländlichen Kriegern je neun zu einer Solidargruppe zusammengezogen. Einer sollte seinen Wohnsitz innerhalb der Burgen haben, damit er für die acht anderen Unterkünfte errichten und ein Drittel der Ernte verwahren könne. Als weitere Maßnahme erfolgte der Aufbau einer Reitertruppe.
Der Sieg von 933
Nach den jahrelangen Vorbereitungen verweigerte Heinrich den ungarischen Gesandten wohl 932 die Tribute. Anfang März 933 erschienen die Ungarn an den Grenzen Sachsens und Thüringens. Am 15. März 933 schlug Heinrichs Heer die Ungarn in der Schlacht bei Riade, einem nicht sicher identifizierten Ort, wohl an der Unstrut. Der Chronist Flodoard von Reims berichtet, 36.000 Ungarn hätten in der Schlacht ihr Leben gelassen, eine Angabe, die in der Forschung als wenig glaubwürdig gilt. Nach dem Sieg soll das Heer Heinrich als „Vater des Vaterlandes und Imperator“ gepriesen haben. Den Sieg ließ Heinrich auf einem Wandgemälde im Thronsaal der Merseburger Pfalz verewigen.
Letzte Jahre
Gegen Ende des Jahres 935 erlitt Heinrich auf der Jagd im Harz wohl einen Schlaganfall. Im Frühsommer 936 wurde in Erfurt über den Zustand des Reiches beraten. Heinrich empfahl den Großen nochmals eindringlich Otto als seinen Nachfolger. Von Erfurt begab sich Heinrich nach Memleben. Dort erlitt er erneut einen Schlaganfall und starb am 2. Juli 936. Sein Leichnam wurde in Quedlinburg bestattet. Mit Quedlinburg hatte sich Heinrich einen eigenen Memorialort geschaffen, obwohl die Memoria der liudolfingischen Familie zuvor in Gandersheim gepflegt worden war.