Otto I. (HRR)
ostfränkischer König, römisch-deutscher Kaiser, Herzog von Sachsen
Der designierte Erbe
tto wurde 912 als Sohn des Sachsenherzogs Heinrich I. geboren, der 919 König des Ostfrankenreiches wurde; seine Mutter war Heinrichs zweite Ehefrau Mathilde. 929/930 fiel eine Vorentscheidung zugunsten der alleinigen Thronfolge Ottos. In einer Urkunde vom 16. September 929, der sogenannten Hausordnung, bestimmte Heinrich mit Quedlinburg, Pöhlde, Nordhausen, Grone und Duderstadt das Witwengut für Mathilde. Heinrich gab damit das Prinzip der karolingischen Herrschaftsteilung auf und begründete die Individualsukzession, die Unteilbarkeit des Königtums und damit des Reiches. Aus England wurde Edgith als Braut für Otto ausgewählt; sie erhielt 929 Magdeburg als Morgengabe. Im Frühsommer 936 beriet man in Erfurt über den Bestand des Reiches, und Heinrich empfahl den Großen nochmals Otto als seinen Nachfolger.
Die Erhebung in Aachen
Nach dem Tod Heinrichs I. am 2. Juli 936 wurde die Nachfolge innerhalb weniger Wochen vollzogen; darüber liegt ein gut 30 Jahre später abgefasster Bericht Widukinds von Corvey vor. Otto soll von Franken und Sachsen gewählt und die Pfalz Aachen als Ort einer allgemeinen Wahl bestimmt worden sein. Am 7. August 936 setzten die weltlichen Großen Otto in der Vorhalle des Aachener Münsters auf den Thron. Erzbischof Hildebert von Mainz übergab die Insignien; Hildebert und Wichfried von Köln salbten und krönten Otto in der Stiftskirche. Aachen war als Grabstätte Karls des Großen ein Symbol der Kontinuität und Legitimation. Beim Festmahl versahen die Herzöge Giselbert, Eberhard, Arnulf und Hermann die Hofämter. Ab 936 trägt das Königssiegel die Gottesgnadenformel DEI Gratia.
Spannungen in der Familie
Der Herrschaftsantritt verlief nicht so harmonisch, wie Widukinds Bericht suggeriert. Ottos Bruder Heinrich hatte die Königswürde ebenfalls beansprucht, wie der Westfranke Flodoard von Reims berichtet. Auch das Verhältnis zur Mutter war gespannt: Mathilde weilte am 31. Juli noch in Quedlinburg und war bei der Königserhebung wohl nicht anwesend; die Viten überliefern, dass sie die Thronfolge des jüngeren Heinrich bevorzugt hätte. Eine Stiftungsurkunde vom 13. September 936 entzog Mathilde die von Heinrich I. zugesicherte Kontrolle über das von ihr gegründete Stift Quedlinburg zugunsten des königlichen Schutzes. Otto legte Quedlinburg als Ort der Memoria seines Geschlechts fest. Am 21. September 937 erhöhte er mit der Gründung des Mauritiusklosters den kirchlichen Rang Magdeburgs.
Ämter und Ansprüche
Ottos Herrschaftsbeginn war von einer schweren Krise begleitet. Liudprand von Cremona nennt die Herrschaftssucht Heinrichs und die Ambitionen der Herzöge Eberhard und Giselbert. Widukind berichtet, Otto habe bei der Neubesetzung der Ämter die Ansprüche mächtiger Adliger übergangen. So erhielt nach dem Tod des Grafen Bernhard Ende 935 nicht Graf Wichmann, sondern dessen jüngerer und ärmerer Bruder Hermann Billung den Posten des Heerführers. Das Kommando an der sächsisch-slawischen Grenze vergab Otto 937 an Gero, obwohl Ottos Halbbruder Thankmar sich berechtigtere Ansprüche zuschrieb. In Bayern weigerte sich Eberhard 937 zu huldigen; nach zwei Feldzügen konnte Otto ihn verbannen und gab das Herzogtum an Arnulfs Bruder Berthold, der Otto bis zu seinem Tod 947 loyal blieb.
Die Aufstände 937 bis 941
Der Frankenherzog Eberhard und Graf Wichmann der Ältere verbündeten sich mit Thankmar. Thankmar zog gegen die Burg Belecke bei Warstein und lieferte den gefangenen Halbbruder Heinrich an Eberhard aus. Nach Thankmars Tod in der Kirche der Eresburg unterwarf sich Eberhard. Ein neues Bündnis mit Heinrich und Herzog Giselbert von Lothringen brach zusammen, als Eberhard und Giselbert 939 bei Andernach überrascht und in der Schlacht am 2. Oktober 939 vernichtend geschlagen wurden: Eberhard wurde erschlagen, Giselbert ertrank im Rhein. Heinrich unterwarf sich und erhielt das Herzogtum Lothringen, während Otto Franken unter direkter königlicher Herrschaft behielt. Ein geplanter Anschlag zu Ostern 941 in Quedlinburg scheiterte; Heinrich wurde in Ingelheim festgesetzt und unterwarf sich Weihnachten 941 in der Frankfurter Pfalzkapelle.
Ein Jahrzehnt der Festigung
Das Jahrzehnt von 941 bis 951 war durch unbestrittene königliche Machtausübung bestimmt. Ab 946 wechselten die Hoftage an Ostern jährlich zwischen Aachen und Quedlinburg. An die Stelle der Freundschaftsbindung trat nun die Heirat: Der westfränkische König Ludwig IV. heiratete 939 Ottos Schwester Gerberga. Den Salier Konrad den Roten setzte Otto 944 als Herzog in Lothringen ein und band ihn 947 durch die Heirat mit seiner Tochter Liudgard an die Familie. Seinen Bruder Heinrich verheiratete er mit Judith, der Tochter Herzog Arnulfs von Bayern, und setzte ihn im Winter 947/948 als Herzog in Bayern ein. Nach dem Tod Edgiths am 29. Januar 946 ließ Otto seinen Sohn Liudolf heiraten und erklärte ihn zum Nachfolger; 950 wurde Liudolf Herzog von Schwaben.
Nachbarn und Gesandtschaften
Aachen lag im Herzogtum Lothringen, auf das die westfränkischen Könige Anspruch erhoben. 940 versuchte Ludwig IV., sich dort festzusetzen, scheiterte aber an Ottos militärischer Stärke. 942 vermittelte Otto eine formelle Versöhnung: Hugo von Franzien vollzog einen Unterwerfungsakt, Ludwig IV. verzichtete auf Lothringen. Den Streit um den Reimser Erzstuhl legte 948 die Universalsynode von Ingelheim bei, an der 34 Bischöfe teilnahmen. Zum Königreich Burgund bestanden gute Beziehungen, seit Heinrich I. von König Rudolf II. die Heilige Lanze erworben hatte. Enge Kontakte bestanden auch zum byzantinischen Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos.
Italien und Adelheid
Am 22. November 950 starb der italienische König Lothar und machte die noch nicht 20-jährige Adelheid zur Witwe. Berengar nahm sie in Gefangenschaft und erklärte sich am 15. Dezember 950 zum König, seinen Sohn Adalbert zum Mitregenten. Otto, seit 946 Witwer, konnte Adelheid ehelichen und damit seine Herrschaft nach Italien ausdehnen. Auf seinem Italienzug im September 951, der ohne Kämpfe verlief, war sein Bruder Heinrich der wichtigste Mittelsmann. Heinrich führte Adelheid von ihrer Fluchtburg Canossa nach Pavia, wo Otto sich im Oktober mit ihr vermählte. Seine Kanzlei titulierte ihn am 10. Oktober „König der Franken und Langobarden“ und am 15. als „König der Franken und Italiener“.
Der Aufstand des Sohnes
Die Ehe mit Adelheid führte zu Spannungen mit Liudolf, dem designierten Nachfolger. Erzbischof Friedrich von Mainz zog im Auftrag Ottos nach Rom, doch Papst Agapet II. erteilte den Plänen einer Kaiserkrönung eine Absage. Im Februar 952 kehrte Otto mit Adelheid nach Sachsen zurück und verweigerte dem Sohn die Huld. Auf einem Hoftag in Augsburg Anfang August 952 leisteten Berengar und Adalbert einen Vasalleneid und erhielten das Königreich Italien als Lehen. Im März 953 brach in Mainz der Aufstand aus; Otto belagerte die Stadt im Sommer. 954 verlagerte sich der Konflikt nach Bayern, wo Liudolf Regensburg einnahm. Otto ernannte Hermann Billung zum Herzog in Sachsen und Brun zum Erzbischof von Köln.
Der Sieg auf dem Lechfeld
Liudolf hatte am Palmsonntag 954 in Worms ein Gastmahl zu Ehren der Ungarn veranstaltet und sie mit Gold und Silber überhäuft; der Vorwurf, mit den Feinden Gottes paktiert zu haben, kostete ihn Anhänger. Im Herbst 954 unterwarf er sich dem Vater. Bischof Ulrich verteidigte Augsburg und verschaffte Otto Zeit, ein Heer zu sammeln. Die Schlacht auf dem Lechfeld am 10. August 955 beseitigte die Ungarngefahr dauerhaft und festigte Ottos Macht. Spätestens seit 955 fasste Otto konkrete Pläne zur Errichtung eines Erzbistums in Magdeburg. Nach 955 kam es bis zu Ottos Tod nicht mehr zu Erhebungen der Großen. Im selben Jahr erlitten die Abodriten in der Schlacht an der Recknitz eine Niederlage.
Die Kaiserkrönung 962
Im August 961 brach Ottos Heerzug von Augsburg nach Italien auf. Am 31. Januar 962 erreichte das Heer Rom, am 2. Februar krönte Papst Johannes XII. Otto zum Kaiser. Auch Adelheid wurde gesalbt und gekrönt; keine Gemahlin eines Karolingers war je zur Kaiserin gekrönt worden. Eine Synode am 12. Februar verfügte die Erhebung des Moritzklosters in Magdeburg zum Erzbistum. Einen Tag später stellte Otto das Ottonianum aus, das dem Papsttum Gebiete zusprach, die bisher zum Königreich Italien gehörten, darunter Stadt und Dukat von Rom und das Exarchat von Ravenna. Im Frühjahr 963 verbündete sich Johannes XII. mit Berengars Sohn Adalbert gegen den Kaiser. Eine römische Synode setzte Johannes ab und erhob Leo VIII.
Magdeburg und die letzten Jahre
Nach dem Tod des Markgrafen Gero zerlegte Otto die Markgrafschaft in sechs neue Herrschaftsgebilde. Nachdem 968 Bischof Bernhard von Hadmersleben, Erzbischof Wilhelm von Mainz und Königin Mathilde gestorben waren, konnten die Magdeburger Pläne Gestalt annehmen; das neue Erzbistum diente der Ausbreitung des christlichen Glaubens und war als Ottos Grabstätte vorgesehen. Erst im Frühjahr 973 suchte er es erstmals auf. 969 ging der neue byzantinische Kaiser Johannes Tzimiskes auf die Brautwerbung ein und sandte seine Nichte Theophanu nach Rom, die 972 zur Kaiserin gekrönt wurde. Das Osterfest am 23. März 973 in Quedlinburg zeigte Otto auf dem Höhepunkt seiner Macht. In der Pfalz Memleben erkrankte er schwer und starb am 7. Mai 973. Beigesetzt wurde er im Magdeburger Dom.