Joseph II.
Kaiser des Heiligen Römischen Reiches (1765–1790), Alleinherrscher in den österreichischen Ländern (1780–1790)
Geburt in bedrängter Lage
oseph kam am 13. März 1741 als ältester Sohn Maria Theresias und Großherzog Franz Stephans von Lothringen in der Wiener Hofburg zur Welt. Nach drei Töchtern war er der ersehnte männliche Thronfolger. Taufpaten waren Papst Benedikt XIV. und der polnische König August III., beide vertreten. Maria Theresia stand zu diesem Zeitpunkt unter großem politischem und militärischem Druck. Ihren durch die Pragmatische Sanktion begründeten Herrschaftsanspruch erkannten Bayern, Sachsen, Spanien und Preußen nicht an; es kam zum Ersten Schlesischen Krieg von 1740 bis 1742 und zum Österreichischen Erbfolgekrieg von 1740 bis 1748. Mit dem Wittelsbacher Karl VII. wurde 1742 erstmals seit über 300 Jahren kein Habsburger zum römisch-deutschen König gewählt. Nach dessen Tod 1745 setzte Maria Theresia im Frieden von Füssen die Wahl ihres Mannes als Franz I. Stephan durch.
Maria Theresia ließ ein umfassendes Erziehungsprogramm ausarbeiten. Glaube und Religion bildeten einen Schwerpunkt, doch zum christlichen Herrscher wurde Joseph nicht erzogen; die Ausbildung war auf künftige Herrscheraufgaben gerichtet. 1748 wurde der Offizier Karl Josef Batthyány Prinzenerzieher und förderte Josephs Vorliebe für das Militär. Im selben Jahr wurde der Erzherzog Oberst-Inhaber eines nach ihm benannten Dragoner-Regiments, dessen grünen Uniformrock er später auch als Kaiser häufig trug. Joseph lernte Latein, Französisch, Italienisch, Ungarisch und Tschechisch. Später trat das Natur-, Staats-, Kirchen- und Völkerrecht in den Mittelpunkt, darin die rationale Naturrechtslehre nach Samuel von Pufendorf. Ab 1760 nahm er an Sitzungen der obersten Verwaltungsbehörden und des Staatsrates teil und schrieb kritische Denkschriften, die sein späteres Reformprogramm vorwegnahmen.
Zwei Ehen
Im Zuge des Renversement des alliances beschlossen Maria Theresia und Ludwig XV. eine dynastische Verbindung der Habsburger mit den Bourbonen. Joseph wurde mit Isabella von Bourbon-Parma vermählt, einer Enkelin des französischen Königs und ältesten Tochter Herzog Philipps von Parma. Nach der Trauung per procurationem am 5. September 1760 in Padua folgte die Hochzeit am 6. Oktober 1760 in der Wiener Augustinerkirche. Die Feierlichkeiten fielen in die Zeit des Siebenjährigen Krieges. Joseph verehrte seine Frau, Isabella blieb zurückhaltend. Nach einer Fehlgeburt im Jänner 1763 starb sie am 27. November 1763 an den Pocken. Aus der Ehe gingen die Töchter Maria Theresia und Maria Christine hervor.
Der Verlust stürzte Joseph in Verzweiflung. Seinem Schwiegervater schrieb er, er habe alles verloren. Nach erfolglosen Verhandlungen unter anderem mit Spanien und Portugal drängte Maria Theresia ihren Sohn zur Heirat mit einer deutschen Prinzessin. Joseph beugte sich und wählte seine Cousine zweiten Grades Maria Josepha von Bayern, Tochter Karls VII. und der Maria Amalia von Österreich. Die Hochzeit fand am 23. Jänner 1765 in Schloss Schönbrunn statt. Die Ehe mit der zwei Jahre älteren Maria Josepha galt als unglücklich und wurde wahrscheinlich nie vollzogen. Joseph mied das gemeinsame Schlafzimmer und ließ den Balkon in Schönbrunn abteilen. Er räumte ein, unter seiner Unfähigkeit zu lieben zu leiden. Maria Josepha starb am 28. Mai 1767 an den Pocken; Joseph blieb dem Begräbnis fern. Eine dritte Ehe lehnte er beharrlich ab.
Mitregent 1765 bis 1780
Am 27. März 1764 wählten die deutschen Kurfürsten Joseph in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König. Am 3. April folgte die Krönung mit der Reichskrone und den Reichskleinodien im Kaiserdom St. Bartholomäus. Joseph betrachtete sich im prunkvollen Zeremoniell als Fremdkörper. Nach dem plötzlichen Tod Franz I. Stephans am 18. August 1765 übernahm er den Kaisertitel. Am 17. September 1765 erhob ihn Maria Theresia zum Mitregenten in den habsburgischen Ländern, dem Erzherzogtum Österreich, den Ländern der Böhmischen Krone, dem Königreich Ungarn und den Österreichischen Niederlanden; das Großherzogtum Toskana überließ er seinem Bruder Leopold. Der Kaisertitel verfügte Mitte des 18. Jahrhunderts nur über sehr begrenzte Befugnisse.
Maria Theresia hatte ihren Rückzug von den Regierungsgeschäften revidiert und wollte die Kontrolle nicht abgeben. Daraus folgten häufige Auseinandersetzungen: eine dominante, konservative Mutter gegenüber einem ehrgeizigen, aufgeklärten Sohn. Sie bremste seinen Reformeifer, weil sie ihre Herrschaft über das heterogene Reich in Gefahr sah; die Jahre der Mitregentschaft waren von lähmender Zusammenarbeit geprägt. Joseph verlagerte sein Wirken auf die Reform des kaiserlichen Hofstaates. Bereits 1765 legte er seinen Hofstaat mit dem seiner Mutter zusammen. Er verwarf die strenge Etikette, schaffte Zeremonien ab, hob die Bekleidungsvorschrift auf und machte die kaiserlichen Gärten Schönbrunn, Augarten und Prater der Öffentlichkeit zugänglich. Das geerbte Privatvermögen seines Vaters von etwa 22 Millionen Gulden setzte er zur Tilgung der Staatsschulden ein.
Alleinherrschaft und Tod
In vielen Fragen vertrat Joseph andere Meinungen als seine Mutter, die bei ihren Reformen noch im Zeitalter der Gegenreformation lebte. Er bewunderte in dieser Phase Österreichs langjährigen Kriegsgegner Friedrich II. und reiste zu einer Begegnung nach Neisse. Nach Maria Theresias Tod 1780 versuchte er, seine Ideen umzusetzen, dies aber überhastet und undiplomatisch, so dass viele durch Verzögerungen oder Widerstand unwirksam blieben. Vor seinem Tod an Tuberkulose 1790 verzichtete er auf die getrennte Bestattung. Er wurde in Feldmarschallsuniform in einem Eichenholzsarg in der Kaisergruft bestattet; der Holzsarg wurde später in einen schlichten Kupfersarg eingeschlossen, der vor dem Prunkdoppelsarkophag seiner Eltern steht. Die Kaiserwürde erhielt sein jüngerer Bruder Leopold II.
Reformen im Staat
Für Joseph war das Herrschertum ein Amt, ein Dienst am Staat. Er versuchte, den Einfluss des Adels und des Klerus zurückzudrängen. Die Leibeigenschaft der Bauern hob das Leibeigenschaftsaufhebungspatent am 1. November 1781 auf. Im Volk wurde er als Joseph der Bauernbefreier verehrt; im 19. Jahrhundert entstanden viele Kaiser-Joseph-II.-Denkmäler, besonders in Böhmen und Österreich. Die adligen Ständeversammlungen wurden zugunsten von Staatsbeamten zurückgedrängt. Joseph wollte aus Österreich einen Einheitsstaat mit Hochdeutsch als Staatssprache machen und die Sonderrechte der Länder abschaffen. In den österreichischen Niederlanden löste das Unruhen aus, Ungarn geriet an den Rand eines Aufstandes. Er verzichtete darauf, sich in Prag und Pressburg zum König von Böhmen und von Ungarn krönen zu lassen.
Das Burgtheater wurde zum deutschen Nationaltheater erklärt. Wolfgang Amadeus Mozart erhielt 1781 den Auftrag, mit der Entführung aus dem Serail das deutschsprachige Singspiel auf künstlerisch ernstzunehmendes Niveau zu heben. 1786 genehmigte Joseph die Uraufführung von Le nozze di Figaro, 1789 erteilte er den Auftrag zu Così fan tutte. Joseph kümmerte sich auch um kleinste Details, was Untertanen teils als schikanös empfanden, etwa Regelungen für Begräbnisse, die Zahl der Kerzen bei einer Messe oder das Verbot von Pfeffernüssen. Seine Gesundheitspolitik führte zur Gründung des Allgemeinen Krankenhauses und des Josephinums, einer Ausbildungsstätte für Militärärzte unter dem ersten Direktor Giovanni Alessandro Brambilla. Sein Reformwerk scheiterte am Widerstand der alten Eliten und daran, dass er nur zehn Jahre regierte.
Recht
1783 wurden Teile des Eherechts in der Verordnung in Ehesachen kodifiziert. Das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch von 1786, das Josephinische Gesetzbuch, sicherte allen Untertanen Schutz und Freiheit zu und stellte der naturrechtlichen Pflichtbindung des Monarchen entsprechende Rechte der Untertanen gegenüber. 1787 erging das Josephinische Strafgesetz für die Erbländer. Verstümmelungsstrafen wurden abgeschafft, die Todesstrafe war nur noch im Standrecht vorgesehen, nicht im ordentlichen Strafverfahren; 1803 wurde sie für wenige Delikte wieder eingeführt. Das Gesetz setzte erstmals das Legalitätsprinzip um, nach dem nur bestraft werden kann, was per Gesetz strafbar ist. Der Adel wurde nicht eigens erwähnt, womit theoretisch alle Vorrechte verschwanden; in der Praxis wirkte der Stand weiter.
Außenpolitik
In der Außenpolitik war Joseph expansiv, aber nicht sonderlich erfolgreich. Die Beteiligung Österreichs an der ersten Teilung Polens mit dem Zugewinn Galiziens ging auf die Initiative Preußens zurück, das einen Korridor durch Polen zwischen Pommern und Ostpreußen forderte. Österreich hatte 1771 einen geheimen Vertrag mit der Türkei geschlossen; als Katharina II. davon erfuhr, erhielt Österreich ein Angebot zur Teilnahme an der Teilung. Nach dem Tod des bayerischen Kurfürsten Maximilian III. Joseph versuchte Joseph, Bayern anzuschließen und den Wittelsbachern die Österreichischen Niederlande zu überlassen; daraus entstand der Bayerische Erbfolgekrieg gegen Friedrich II. von Preußen. Im Frieden von Teschen 1779 musste er sich mit dem Innviertel begnügen. 1785 scheiterte ein zweiter Tauschversuch am Widerstand Friedrichs II. und des Fürstenbundes.
Religionspolitik
Am berühmtesten ist seine Religionspolitik, die meist gemeint ist, wenn von Josephinismus gesprochen wird. Das Toleranzpatent erlaubte Protestanten und Juden die Ausübung ihres Glaubens, allerdings nur unter Duldung; der Vorrang der Katholischen Kirche blieb bestehen. Joseph betrachtete die Kirche als nützliches Werkzeug der Staatspolitik. Alle Orden, die im volkswirtschaftlichen Sinne unproduktiv waren, also keine Krankenpflege, Schulen oder anderen sozialen Aufgaben nachgingen, wurden aufgehoben und ihr Besitz verstaatlicht. Viele kontemplative Abteien mit langer Tradition wurden geschlossen. Aus dem Erlös entstand der Religionsfonds, der die Besoldung der Priester übernahm; diese wurden damit zu Staatsbeamten. Viele Feiertage und Kirchenfeste wurden abgeschafft, hauptsächlich um die Zahl der Arbeitstage zu erhöhen. Pfarrsprengel wurden verkleinert, neue Diözesen gegründet und bestehende mit den Grenzen der Kronländer in Deckung gebracht.