Königreich Böhmen
ehemalige Monarchie in Zentraleuropa
Entstehung des Königtums
as Böhmische Königreich entstand aus dem Herzogtum Böhmen. 1085 ließ sich Vratislav II. zum ersten König krönen. Formal gegründet wurde das Königreich erst 1198 durch Ottokar I. Přemysl, der die Krone Böhmen für erblich erklärt hatte. Das Geschlecht der Přemysliden herrschte über 200 Jahre, bis 1306. Unter den verschiedenen Monarchen erwarb die Monarchie zeitweilig Gebiete in Österreich, Slowenien und Norditalien und reichte bis an die Adria. Durch den Machtzuwachs wurde dem Königreich innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation eine Sonderstellung zuerkannt.
Das böhmische Königtum war stärker christlich-spirituell aufgeladen als die vorherige Fürstenwürde, die auf der Anerkennung durch die Großen des Landes beruhte. Die Wahl durch Gott und die Verehrung der Nationalheiligen Wenzel und Adalbert von Prag spielten zentrale Rollen. 1216 fand die letzte Inthronisation auf dem steinernen Herzogsstuhl statt. Von 1228 an übernahm die Krönung durch Bischöfe nach westeuropäischem Vorbild diese Funktion. An die Stelle der Anerkennung durch die Großen trat 1055 das von Břetislav I. durchgesetzte Senioratsprinzip und unter Ottokar I. Přemysl Anfang des 13. Jahrhunderts die Primogenitur. In den Krisen der přemyslidischen Spätphase im ausgehenden 13. und anbrechenden 14. Jahrhundert traten die Großen erneut als Machtzentrum hervor.
In der Goldenen Bulle von Sizilien von 1212 bestätigte Friedrich II. für Herzog Ottokar I. den Königstitel der böhmischen Herrscher und dessen Erblichkeit. 1216 folgte mit der Goldbulle von Ulm eine erneute Bestätigung. Böhmen war eines der ersten europäischen Länder, in denen sich im Mittelalter ein institutioneller Flächenstaat herausgebildet hat. In Prag residierte bereits seit dem 13. Jahrhundert ein Landesgericht, das Böhmische Landrecht, und hier tagte ein Landtag als oberste Behörde des Landes. In der Hauptstadt wurde auch die Landtafel geführt, in der alle Angaben über adligen Grundbesitz eingetragen wurden.
Mittelalter und Neuzeit
1310 übernahm das Haus Luxemburg die Macht. Böhmen entwickelte sich durch eine Politik der Modernisierung zu einer Großmacht. 1344 wurde Prag zum Erzbistum erhoben. Vor allem unter König Karl I., der von 1346 bis 1378 herrschte und gleichzeitig als Karl IV. römisch-deutscher Kaiser war, erlebte das Königreich eine Zeit des Wohlstandes und Fortschritts. 1348 ließ er die Karls-Universität in Prag gründen, eine der ersten Universitäten weltweit. Prag wurde ausgebaut und entwickelte sich zu einer Weltstadt. Während Karls Herrschaft hatte Böhmen sich bis auf das Gebiet Brandenburgs und Schlesiens ausgedehnt.
Nach Karls Tod 1378 erstarkte die reformistische protestantische Bewegung der Hussiten, die eine Reformation der gesamten katholischen Kirche anstrebte. 1415 wurde Jan Hus, geistlicher Führer der Bewegung und zeitweise Rektor der Karls-Universität, entgegen vorherigen Zusicherungen auf dem Konzil von Konstanz hingerichtet. 1420 brachen die Hussitenkriege aus. Dieser Bürgerkrieg dauerte bis 1436 und forderte Zehntausende Tote. 1466 brach ein katholischer Aufstand der Grünberger Allianz gegen den vom Papst abgesetzten Georg von Podiebrad aus, in dessen Folge die polnischen Jagiellonen auf den böhmischen Königsthron gelangten. 1526 übernahm das Haus Habsburg nach dem Tod des jagiellonischen Königs Ludwig gemäß Erbvertrag die Herrschaft und gliederte das Königreich in die Habsburgermonarchie ein. Böhmen konnte dennoch eine gewisse Autonomie aufrechterhalten.
Ferdinand II. wurde 1617 zum König gewählt und gekrönt. Wegen seiner Politik kam es 1618 zum Ständeaufstand des weitgehend protestantischen böhmischen Adels. 1619 sagte sich Böhmen mit seinen Ländern in der Böhmischen Konföderation vom Habsburgerreich los. Nach der Niederlage des böhmischen Ständeheers in der Schlacht am Weißen Berg 1620 wurde das Königreich wieder ins Reich eingegliedert. Ferdinand und seine Nachfolger unterdrückten jeglichen Widerstand. Der Dreißigjährige Krieg verwüstete große Teile des Landes und führte zu einem starken Bevölkerungsrückgang. Einzig das Herzogtum Friedland des Feldherrn Wallenstein blieb weitgehend verschont.
Während der Herrschaft von Maria Theresia von 1740 bis 1780 erfuhr Böhmen weitgehende Toleranz, und das Verhältnis zum Herrscherhaus besserte sich. Gleichzeitig bedrohte der nördliche Nachbar Preußen das Land. Im Österreichischen Erbfolgekrieg besetzte die preußische Armee unter König Friedrich dem Großen 1740 Schlesien, damals immer noch ein Land Böhmens. Das Königreich musste Teile von Schlesien zusammen mit der Grafschaft Glatz im Frieden von Berlin 1742 abtreten, während Österreichisch-Schlesien als Kronland bei Böhmen verblieb. 1757 stießen während des Siebenjährigen Kriegs preußische Truppen auf Prag vor und brachten den Österreichern in der Schlacht bei Prag eine Niederlage bei.
Moderne
Nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation im Jahre 1806 wurde Böhmen Teil des Kaisertums Österreich. Durch die zentralistische Verwaltung entwickelten sich eine starke Opposition und ein wiederaufkommendes Nationalgefühl. Während der Revolutionen von 1848 kam es zum Prager Pfingstaufstand, der niedergeschlagen wurde. Nach der Gründung der österreichisch-ungarischen Monarchie 1867 wurde Böhmen ein teilautonomes Kronland innerhalb der österreichischen Reichshälfte. Der Zusatz kaiserlich und königlich bezog sich auch auf die Böhmische Krone und sollte die Gleichrangigkeit mit Ungarn demonstrieren. Die Wiener Regierung machte Tschechisch und Deutsch zu gleichberechtigten Amtssprachen. Kaiser und König Franz Joseph I. lehnte es zeitlebens ab, sich zum König von Böhmen krönen zu lassen.
Der sich verschärfende Nationalitätenkonflikt zwischen Deutschen und Tschechen bewirkte ein Erstarken des tschechischen Nationalismus. Um die Jahrhundertwende zeigte das Kronland offen separatistische Tendenzen. Als Franz Joseph I. 1908 sein 60-Jahre-Jubiläum als Kaiser von Österreich beging, kam es zu teilweise gewalttätigen Demonstrationen. Im Ersten Weltkrieg kämpften die meisten Böhmen für die Monarchie, doch kam es zu Massendesertionen an der Ostfront. Ab 1916 schwenkte die Stimmung um. Es bildete sich eine republikanische tschecho-slowakische Exilregierung unter Tomáš Garrigue Masaryk, und die Tschechoslowakischen Legionen kämpften auf Seiten der Triple Entente gegen Österreich-Ungarn.
Ende des Königreichs
Die Niederlage des österreichisch-ungarischen Heeres 1918 und das Ende Österreich-Ungarns am 31. Oktober besiegelten auch das Ende des Kronlandes. Am 31. Oktober 1918, drei Tage nach der Unabhängigkeitserklärung der Tschechoslowakei am 28. Oktober, wurde das Königreich Böhmen gegen den Widerstand der deutschen Minderheit offiziell in die neue Tschechoslowakische Republik eingegliedert. Zuvor hatten tschechische Beamte friedlich die Macht übernommen und im November 1918 die böhmische Monarchie für abgeschafft erklärt. Als Verwaltungseinheit bestand Böhmen als Region noch bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Heute bildet das ehemalige Königreich eine historische geographische Region Tschechiens.
Politik und Verwaltung
Der König war als einer der sieben, später neun Kurfürsten einer der ranghöchsten Reichsfürsten. Diesen stand seit dem 13. Jahrhundert das alleinige Recht zur Wahl des römisch-deutschen Königs zu, der traditionell den Anspruch auf Krönung zum Kaiser durch den Papst hatte. Der böhmische Landtag gehörte zu den ältesten in Mitteleuropa und verabschiedete 1500 mit der Vladislavschen Landesordnung die erste Verfassung des Königreiches. Um 1500 führten nur 30 Familien des Böhmischen Herrenstandes die Geschicke des Landes. Nach der Niederschlagung des Ständeaufstands von 1618 entmachtete Ferdinand II. den Adel durch die Verneuerte Landesordnung vom 10. Mai 1627. Zahlreiche protestantische Großgrundbesitzer mussten auswandern, die Zurückgebliebenen wurden einer scharfen Gegenreformation mit Unterstützung der Jesuiten unterzogen.
Konfessionelle Geschichte
Die Verbrennung des Theologen und Reformators Jan Hus am 6. Juli 1415 löste heftige Proteste aus. Seitdem bildeten sich reformatorische Bewegungen, die unter Katholiken kollektiv als Hussiten bekannt wurden. Von 1419 bis 1434 kam es zu den Hussitenkriegen. Der traditionelle Utraquismus war seit 1436 durch die Basler Kompaktaten rechtlich anerkannt; die Utraquisten bildeten etwa 85 Prozent aller Christen im Königreich. Von 1458 bis 1471 regierte der Utraquist Georg von Podiebrad, der erste nichtkatholische König Europas; sein Glaube führte zum Krieg mit dem ungarischen König Matthias Corvinus von 1468 bis 1479. Ab 1520 gewann die lutherische Reformation Einfluss. Die protestantischen Glaubensrichtungen erlangten mit dem Majestätsbrief von 1609 Anerkennung. 1618 brach mit dem zweiten Prager Fenstersturz der Dreißigjährige Krieg aus.