Kurpfalz
Bezeichnung für ein bis 1803 bestehendes Territorium des Alten Reiches
Lage und Umfang
ie Kurpfalz lag an Ober- und Mittelrhein, zwischen Mosel und Kraichgau. Das Kerngebiet lag am unteren Neckar, Hauptstädte waren Heidelberg und ab 1720 Mannheim. Das Staatsgebiet war nicht zusammenhängend, sondern ein für die damalige Zeit typischer Flickenteppich mit Exklaven, Enklaven und Kondominien. Bei der Vereinigung mit Bayern zu Kurpfalz-Bayern 1777 umfasste es 8200 Quadratkilometer. Ehemals kurpfälzische Gebiete liegen heute in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen, Bayern, im Saarland sowie in den französischen Départements Bas-Rhin und Moselle.
Gewicht im Reich
Die Kurpfalz zählte zu den bedeutendsten weltlichen Territorien des Alten Reichs. Im konfessionellen Zeitalter stieg sie zu einer der aktivsten und führenden protestantischen Mächte im Reich auf. Kurfürst Friedrich V. erlangte als der Winterkönig kurzzeitig die böhmische Königskrone. Sein gescheitertes böhmisches Abenteuer löste den Dreißigjährigen Krieg aus und markierte den Wendepunkt der Geschichte der Kurpfalz. Das Land geriet für Jahrzehnte unter fremde Herrschaft und wurde als häufiger Kriegsschauplatz immer wieder geplündert und entvölkert. Der Westfälische Frieden 1648 stellte die angestammte Herrschaft der Pfälzer Wittelsbacher wieder her. An seine frühere Bedeutung konnte das Territorium jedoch nie mehr anknüpfen.
Kurwürde und Namen
Eine Verbindung des Pfalzgrafenamts mit der Kurwürde lässt sich frühestens ab 1198 annehmen. 1214 fiel die Pfalz von den Welfen an die Wittelsbacher, die bereits 1180 das Herzogtum Baiern erhalten hatten. 1255 wurden die wittelsbachischen Gebiete geteilt; seit 1329 entwickelten sich die Linien der pfälzischen und seit 1340 die der bairischen Wittelsbacher. Das Eintreten der rheinischen Pfalzgrafen für Karl IV. führte zur Festschreibung der pfälzischen Kurwürde und der Unteilbarkeit des Kernlandes, das von da an als Kurpfalz bezeichnet wurde. Die Zugehörigkeit zum Wahlgremium legte 1356 die Goldene Bulle fest. Der Hausvertrag von Pavia 1329 sah ein Wechseln der Kurwürde zwischen Bayern und der Kurpfalz vor; faktisch sprach die Goldene Bulle sie der Kurpfalz zu.
Seit der großen Teilung der Pfalz im Jahr 1410 bestand ein unübersichtlicher Herrschaftsverbund mit mehreren Nebenlinien, darunter Pfalz-Simmern, Pfalz-Zweibrücken, Pfalz-Veldenz, Pfalz-Neuburg und Pfalz-Sulzbach. Sie konnten beim Aussterben von Hauptlinien das Erbe antreten. Die Kurpfalz war Teil des Kurrheinischen Kreises. 1685 erbte die Linie Pfalz-Neuburg die Kurpfalz; sie herrschte bereits seit 1614 über die Herzogtümer Jülich und Berg. 1777 starben die bairischen Wittelsbacher aus, und die Pfalz wurde mit Baiern zum neuen Staat Pfalz-Baiern vereinigt. 1778 wurde die Residenz von Mannheim nach München verlegt. Die linksrheinischen Teile fielen 1798 an Frankreich, die rechtsrheinischen kamen 1803 überwiegend an Baden. 1816 gingen die linksrheinischen Teile an Baiern zurück und bildeten den baierischen Rheinkreis mit der Hauptstadt Speier.
Vom Amt zum Land
Am Beginn stand nicht ein Territorium, sondern ein Amt: das aus der Merowingerzeit stammende Amt des Pfalzgrafen, im 6. Jahrhundert erstmals erwähnt. Es war das älteste durchgängig nachweisbare Pfalzgrafenamt. Der Schwerpunkt lag bis ins 10. Jahrhundert um die Königspfalz zu Aachen. Als erster lothringischer Pfalzgraf ist der Ardennergraf Wigerich greifbar. Von 985 bis 1085 hatten die Ezzonen die lothringische Pfalzgrafschaft kontinuierlich inne, mit den Hauptburgen Siegburg und Tomburg. Unter Hermann I. wurde die Pfalzgrafenwürde bei Rhein erblich. Auseinandersetzungen mit den Erzbischöfen von Köln führten zu einer Verdrängung nach Südosten. 1060 vertrieb Erzbischof Anno II. von Köln den Pfalzgrafen Heinrich I. von Lothringen aus Siegburg.
Bis 1156 traten Erben aus verschiedenen Adelsfamilien auf. Heinrich II. von Laach nannte sich 1085 als Erster Pfalzgraf bei Rhein. Hermann von Stahleck, Erbe der Burg Stahleck, wurde 1142/1143 mit der Pfalzgrafschaft bei Rhein belehnt. Die Übertragung der Pfalzgrafenwürde 1156 an Konrad den Staufer, einen Halbbruder von Friedrich Barbarossa, stärkte die pfalzgräfliche Position nochmals. Konrad verlegte um 1182 seinen Hauptsitz von der Burg Stahleck bei Bacharach auf die Burg Heidelberg und gilt als Gründer der künftigen Residenzstadt, die urkundlich erstmals 1196 erwähnt wurde. Ende des 12. Jahrhunderts heiratete Konrads Tochter Agnes heimlich Heinrich den Älteren von Braunschweig. Damit gelangte die Pfalzgrafschaft 1195 an die Welfen. Nach dem Tod von Heinrichs Sohn 1214 konnte Kaiser Friedrich II. die Pfalzgrafschaft neu vergeben.
Die Wittelsbacher
1214 wurde Ludwig der Kelheimer als Erster aus dem Geschlecht der Wittelsbacher mit der Pfalzgrafschaft bei Rhein belehnt. Die verschiedenen Zweige der Familie blieben bis 1918 im Besitz der pfälzischen Territorien. 1329 kam durch die Trennung in die ältere Linie Pfalz und die neuere Linie Bayern der Nordgau hinzu, fortan Obere Pfalz genannt. Mindestens seit 1198 hatten die Pfalzgrafen bei Rhein die Kurwürde inne. Mit der schriftlichen Fixierung der sieben Kurfürsten 1356 in der Goldenen Bulle erhielten sie dauerhaft eine herausragende Stellung. Ihnen wurden zudem das Amt des Reichsvikars für Gebiete fränkischen und schwäbischen Rechts und das des Erztruchsessen übertragen. Bayern ging leer aus, woraus ein Dauerkonflikt zwischen beiden Linien erwuchs.
1386 erwarb Kurfürst Ruprecht I. Zweibrücken, Mosbach und Simmern. Im selben Jahr gründete er die Universität Heidelberg als dritte Universität auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches nach Prag 1348 und Wien 1365. Kurfürst Ruprecht III. wurde im Jahr 1400 römisch-deutscher König.
Ausbau und Rückschlag
Im 15. Jahrhundert weiteten die Pfälzer Kurfürsten ihr Herrschaftsgebiet am Mittel- und Oberrhein deutlich aus, zunächst durch Erwerb von Reichspfandschaften. Unter Kurfürst Friedrich I. dem Siegreichen folgten militärische Eroberungen gegen Kurmainz, Württemberg und Baden. 1450 kam die Grafschaft Lützelstein hinzu, 1460 siegte er bei Pfeddersheim und 1462 bei Seckenheim. 1474 zog er sich die Reichsacht zu, doch erreichte das Territorium unter ihm seine größte Ausdehnung. Im Landshuter Erbfolgekrieg 1504/1505 kam es zu einer großen Koalition seiner Gegner; Pfalz und Oberpfalz wurden erheblich verwüstet. Die elsässischen Besitzungen gingen größtenteils an die Habsburger. Im Kölner Schiedsspruch 1504/05 verlor die Kurpfalz vor allem Gebiete in der Oberpfalz, am südlichen Oberrhein und im Neckarbecken.
Reformation und Calvinismus
Der Pfälzische Ritteraufstand unter Franz von Sickingen 1522/23 und der Bauernkrieg 1524/25 erschütterten das Land. Kurfürst Ludwig V. schlug die Bauern 1525 bei Pfeddersheim, ließ aber auf Anraten Philipp Melanchthons Milde walten. Er blieb dem katholischen Glauben verpflichtet und unternahm keine wesentlichen Schritte gegen die Ausbreitung der Reformation. Sein Nachfolger Friedrich II. zeigte ab 1545 öffentlich seine Neigung zur evangelischen Konfession. Erst unter Ottheinrich, Kurfürst von 1556 bis 1559, kam der Übergang zur lutherischen Lehre. Die Kurpfalz vollzog diesen Schritt als letztes der großen weltlichen Territorien des Reichs.
Mit Ottheinrichs Tod 1559 starb die ältere Linie aus; die Nebenlinie Pfalz-Simmern kam mit Friedrich III. an die Herrschaft. Ab 1559/60 wandte er sich zunehmend dem Calvinismus zu. 1563 erschien der Heidelberger Katechismus, als dessen Hauptverfasser der aus Zürich berufene Zacharias Ursinus gilt. Damit entstand eine eigenständige kurpfälzische Variante des Reformiertentums. Durch die Einführung des Calvinismus wurde die Kurpfalz im Reich politisch weitgehend isoliert, denn der Augsburger Religionsfriede von 1555 schützte nur die lutherische Konfession. Die Kurfürsten knüpften Verbindungen zu den Niederlanden, den französischen Protestanten, der Schweiz und Schottland. Die Universität Heidelberg wurde zur einzigen reformierten Universität auf deutschem Boden. In der Oberpfalz gelang die Einführung der calvinistischen Lehre nicht.
Krieg und Verlust der Kurwürde
1608 wurde nach der Besetzung Donauwörths durch das katholische Bayern die Protestantische Union unter führender Beteiligung der Kurpfalz gegründet. 1618 rebellierten die Stände Böhmens; Kurfürst Friedrich V. nahm die Krone an und wurde 1620 in der Schlacht am Weißen Berg besiegt. 1621 wurde über ihn die Reichsacht verhängt. Bis Ende 1623 eroberten spanische Truppen unter Spinola und bayerische unter Tilly die Kurpfalz. Die Bibliotheca Palatina mit etwa 8000 Bänden wurde nach Rom verbracht. 1632 gelang die Eroberung durch schwedische Truppen, 1634 folgte die Niederlage bei Nördlingen. Als 1648 der Krieg endete, hatte die Kurpfalz annähernd die Hälfte der Bevölkerung verloren. Die alte Kurwürde verblieb bei Bayern; für die Pfalz wurde eine neue, achte Kurwürde geschaffen.