Patrizier
alteingesessene städtische Oberschichten des Mittelalters und der Neuzeit
n den deutschen Reichsstädten bildete sich vom 11. Jahrhundert an ein Patriziat aus dem Ortsadel oder der örtlichen Ministerialität heraus. Diese „Geschlechter“ besetzten den Rat und wichtige Ämter und versuchten, den Zugang dazu auf ratsfähige Familien zu beschränken. Sie gründeten geschlossene Patriziergesellschaften, in die man meist durch Kooptation oder Eheschließung aufgenommen wurde, etwa geregelt im 1521 aufgestellten Tanzstatut der Reichsstadt Nürnberg. Mit dem Erstarken der Zünfte kam es seit dem 13. Jahrhundert zu Kämpfen gegen die Vorrechte der Patrizier. In Köln wurde die Stadtverfassung ganz auf die Zünfte zugeschnitten, während sich das Patriziat in Augsburg, Nürnberg, Regensburg, Bern, Frankfurt und den meisten Hansestädten behaupten konnte. Der Begriff „Patrizier“ selbst stammt erst aus der Renaissance: 1516 beauftragte der Generalvikar Johann von Staupitz den Nürnberger Ratskonsulenten Christoph Scheurl, die Nürnberger Verfassung zu beschreiben, wobei dieser die „Geschlechter“ in lateinischer Analogie als „patricii“ bezeichnete.
Das Verhältnis des Patriziats zum Adel blieb im Hochmittelalter dynamisch. Nach dem Untergang des Stauferreiches um 1250 zogen Reichsministerialenfamilien wie die Pfinzing, Stromer, Haller, Muffel oder Groß aus dem Umland Nürnbergs in die Stadt und betätigten sich im Fernhandel. Als sich der Landadel in Ritterschaften organisierte, wurden Patrizier davon meist ausgeschlossen, da sie durch Fernhandel als „Pfeffersäcke“ ihre ritterliche Lebensweise aufgegeben hätten. Kaiser stützten sich politisch auf die Reichsstädte und verteilten Adelsbriefe an führende Geschlechter. Die Augsburger Familie Fugger stieg Anfang des 16. Jahrhunderts in den Briefadel und später in den Hochadel auf; auch die Welser, Tucher, Langenmantel und Imhoff zählten zu bekannten Kaufmannsfamilien. Auch in Münster entwickelte sich mit den Erbmännern ein Stadtadel, die ab 1597 im „Erbmännerstreit“ vor dem Reichskammergericht ihre Zugehörigkeit zum ritterbürtigen Adel verteidigten.
Um 1600 zogen sich viele deutsche Patrizierfamilien vom Handel zurück, da sich der Fernhandel nach der Entdeckung Amerikas 1492 zunehmend auf Küstenstädte und Übersee verlagerte. Viele Handelshäuser mussten schließen: Die Welser verkauften 1610 ihre Nürnberger Niederlassung, 1614 war ihre Augsburger Handelsgesellschaft zahlungsunfähig. Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 unterbrach die Handelsrouten und schnitt die Reichsstädte von Bergbaurevieren ab. Sebald XI. Tucher musste 1636 wegen Überschuldung aus dem Nürnberger Rat ausscheiden. Als die Reichsstadt Nürnberg 1808 vom Königreich Bayern übernommen wurde, endete die exklusive Ratsherrschaft des Patriziats, doch 1813 wurden die ratsfähigen Familien in den bayerischen Adel aufgenommen.