Hauptartikel6 Min. Lesezeit

Reformation

religiöse Erneuerungsbewegung

Eine vielfältige Bewegung

ie reformatorische Bewegung war von Anfang an vielfältig. Aus der Wittenberger Reformation ging das Luthertum hervor, aus der Schweizer Reformation die reformierte Kirchenfamilie. Zur radikalen Reformation gehören der Spiritualismus und die Täuferbewegung, die die Wiederherstellung der neutestamentlichen Gemeinde Jesu anstrebte. Für die Täufer war Kirche die Gemeinde der Gläubigen. Sie praktizierten das Priestertum aller Gläubigen, traten für die radikale Trennung von Kirche und Staat ein und verweigerten in weiten Teilen den Eid. Vor allem das machte sie den Obrigkeiten verdächtig, die zu scharfen Gegenmaßnahmen und Verfolgungen griffen. Bisweilen wird die Böhmische Reformation des frühen 15. Jahrhunderts, aus der die Hussiten hervorgingen, als erste Reformation bezeichnet. Ihr Begründer war der Prager Prediger Jan Hus.

Buchdruck und Öffentlichkeit

Die Geschichte der Reformation ist auch Mediengeschichte. Luther verteilte Druckaufträge an verschiedene Druckereien und begutachtete die Druckqualität. Nach unautorisierten Nachdrucken seiner 95 Ablassthesen in Nürnberg, Leipzig und Basel wechselte er offenbar seine Publikationsstrategie. 1520 kamen im deutschsprachigen Raum etwa 500.000 seiner Schriften und Flugschriften auf den Markt. Lesen konnten geschätzt nur etwas mehr als eine Million von knapp zwölf Millionen Einwohnern des Heiligen Römischen Reiches. Die Flugschrift An den christlichen Adel deutscher Nation wurde 1520 fünfzehnmal aufgelegt, bei bis zu 4000 Exemplaren pro Auflage. Allein im Jahr 1524 wurden Berechnungen zufolge etwa 2400 Flugschriften mit geschätzt 2,4 Millionen Exemplaren veröffentlicht.

Reich ohne Zentrum

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation bestand aus vielen Einzelterritorien, war also kein zentralisierter Staat wie England oder Frankreich. Der Kaiser wurde von den sieben Kurfürsten gewählt: Mainz, Köln, Trier, Sachsen, Pfalz, Brandenburg, Böhmen. In der Wahlkapitulation musste er ihnen die Wahrung ihrer territorialen Rechte zugestehen. Gesetze brauchten die Zustimmung des Reichstages. Aufgrund der fehlenden Zentralinstanz entschied sich das Schicksal der Reformation auf territorialer Ebene. Das führte zu einer konfessionellen Fragmentierung, die der Kaiser verhindern wollte, aber nicht konnte. Karl V. hielt sich in den ersten Jahren nach Luthers Thesenveröffentlichung selten im Reich auf und war mit Kriegen gegen Frankreich und das Osmanische Reich beschäftigt.

Europa und die Türkengefahr

Die politische Lage Europas war geprägt vom Gegensatz von Habsburg und Frankreich. Karl V. und der französische König Franz I. führten zwischen 1521 und 1544 drei Italienkriege um die Vormachtstellung in Oberitalien und die burgundischen Erblande. Auch der Papst fürchtete eine Übermacht der Habsburger und verbündete sich zeitweise mit dem französischen König. 1526 besiegten die Osmanen in der Schlacht von Mohács die Ungarn und belagerten 1529 Wien. Der Kaiser musste Geld und Truppen aufbringen und brauchte dafür die Zustimmung der Reichsstände, was seine Position im Reich schwächte. Karl V. befand sich 1521–1530 und 1532–1541 im Ausland. In dieser Zeit konnte sich die Reformation im Reich ausbreiten.

Ablass und Ämterhäufung

Auslöser war der von Papst Leo X. 1515 erlassene Petersablass zur Finanzierung des seit 1506 im Bau befindlichen neuen Petersdoms. 1513 wurde Albrecht von Brandenburg mit nur 24 Jahren und ohne theologische Bildung durch Dispens zum Erzbischof von Magdeburg geweiht, kurz darauf Administrator des Bistums Halberstadt. 1514 erwarb er zusätzlich das Bistum Mainz. Da das Bistum seit 1504 zum dritten Mal den Inhaber wechselte, waren die Schulden bei Rom auf dreimal 10.000 Dukaten angestiegen. Wegen dieser Schulden empfahlen Albrechts Berater einen Ablasshandel. Ausschreiben konnte solche Ablässe allein der Papst, der nach der Bulle Unigenitus Dei filius von 1343 durch Papst Clemens VI. allein über den Gnadenschatz der Kirche verfügte.

Der Petersablass

Papst Leo stimmte zu. Die Ablassbulle Sacrosanctis wurde am 31. März 1515 erlassen, Albrecht zum Ablasskommissar ernannt. Der Plenarablass erließ den Käufern bei sofort und in der Todesstunde abgelegter Beichte die zeitliche Sündenstrafe im Fegefeuer für nahezu alle Sünden. Alle anderen Ablässe wurden für die Zeit des Petersablasses aufgehoben. Die Aufteilung des Gewinns wurde im Frühjahr 1516 durch einen schriftlichen Vertrag festgehalten. Die Gläubigen, die den Ablass erwarben, wussten von diesem Handel nichts. Bis Anfang 1517 dauerte es, bis der Ablassvertrieb richtig anlief.

Tetzel und Kursachsen

Ab 22. Januar 1517 ließ der Dominikaner Johann Tetzel als Generalsubkommissar eine vergröbernde Version der Ablassanweisung drucken, um den Ertrag zu erhöhen. Bürger und Kaufleute zahlten pro Person drei, Handwerker einen Gulden, Mittellose sollten fasten und beten. Tetzel verdiente daran 80 Gulden im Monat. In Kursachsen durfte er nicht aktiv werden, da Kurfürst Friedrich III. im Ablasshandel eine Konkurrenz für seine Reliquiensammlung in Wittenberg sah. Dennoch erwarben viele Wittenberger ihren Ablassbrief im 35 km entfernten Jüterbog oder in Zerbst. So erfuhr Luther als Beichtvater von der Kampagne, als Bewohner Kursachsens eine Lossprechung ohne jede Buße verlangten.

Die 95 Thesen

Luther sah sich aus seelsorgerlichen Gründen verpflichtet, gegen die Ablasspraxis vorzugehen, weil die Glaubenden sich ihres Heils zu Unrecht sicher wähnten. Es komme primär auf die innere Reue an. Deshalb verfasste er die 95 Thesen. Er nahm an, Tetzels Ablassinstruktion sei ohne Kenntnis Erzbischof Albrechts verfasst worden. Die Hintergründe des Petersablasses von 1515 waren Luther 1517 nicht bekannt.

Der 31. Oktober 1517

Am 31. Oktober 1517 schrieb Luther direkt an den Mainzer Erzbischof Albrecht, ohne zu wissen, dass dieser hinter dem Ablassverkauf stand. Er äußerte als Seelsorger seine Sorge über Missverständnisse in der Bevölkerung. Er unterschrieb als Doktor der Theologie und legte dem Brief die 95 Thesen bei. Um eine akademische Debatte anzuregen, sandte er die Thesen auch verschiedenen Gelehrten zu. Dass Luther seine Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt habe, behauptete Philipp Melanchthon erst nach Luthers Tod; historisch ist dies zweifelhaft.

Bann und Reichsacht

Die am 15. Juni 1520 ausgefertigte, am 24. Juli veröffentlichte Bulle Exsurge Domine ließ Luther 60 Tage Zeit zum Widerruf. Bei der Kommissionsarbeit hatte Johannes Eck den entscheidenden Anteil. Am 10. Oktober fand in Wittenberg eine Bücherverbrennung statt; Luther warf die Bannandrohungsbulle ins Feuer. Da er nicht widerrief, folgte am 3. Januar 1521 die Exkommunikation durch die Bulle Decet Romanum Pontificem.

Worms 1521

Nach dem Reichsrecht verfiel der Exkommunizierte der Reichsacht. Luthers Landesherr Friedrich der Weise hatte bereits im Oktober 1520 von Kaiser Karl V. die Zusage erhalten, dass Luther nicht ohne eigenes Verhör verurteilt werde. Nach einem Tag Bedenkzeit bekannte sich Luther zu seinen Schriften und lehnte den Widerruf ab, solange er nicht durch die Heilige Schrift widerlegt sei. Die Erweiterung „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders“ ist historisch nicht belegt. Im Reichstagsabschied vom 30. April 1521 wurde die Reichsacht über ihn verhängt und Luther für vogelfrei erklärt. Man gewährte ihm 21 Tage Frist. Der sächsische Kurfürst ließ Luther nach einem Scheinüberfall auf die Wartburg bringen.

Lagerbildung und Protestation

Auf dem Reichstag zu Speyer 1526 war das Wormser Edikt teilweise revidiert worden, indem die Ausführung den Reichsständen überlassen wurde. Im Herzogtum Preußen wurde 1525 als erstem Territorialgebiet die Reformation eingeführt. Die Landgrafschaft Hessen wurde 1526/27 nach der Homberger Synode protestantisch. Auf dem Reichstag zu Speyer im Februar–April 1529 trat Ferdinand von Österreich schroff antireformatorisch auf; alle weiteren Reformschritte waren verboten. Eine Minderheit von sechs Fürsten und vierzehn Freien Reichsstädten legte am 19./20. April Protest ein. Nach dieser Protestation von Speyer ist der Protestantismus benannt.

Drei Wege weiter

Grundlage: Wikipedia-Artikel ReformationVersionsgeschichteBearbeitungsstand 269996284redaktionell gekürzt und umformuliert, CC BY-SA 4.0
Foto: 95Thesen.jpg: User:Shizhao derivative work: 6birc (talk)entstanden 2010Public domainQuelle