Wilhelm von Ockham
Franziskaner, Philosoph und Scholastiker
Der Häresieprozess in Avignon
er Oxforder Kanzler John Lutterell geriet in den frühen 1320er Jahren in Konflikt mit den Magistern und wurde 1322 abgesetzt. König Eduard II. erlaubte ihm 1323, an den päpstlichen Hof in Avignon zu reisen, wo er eine Anklageschrift mit 56 vermeintlichen Irrtümern Ockhams vorlegte. 1324 musste sich Ockham dem Prozess in Avignon stellen. Eine 1325 eingesetzte Kommission aus sechs Theologen, unter ihnen Lutterell, erstellte eine neue Liste von 51 Thesen und befand 1326 in einem Gutachten 29 davon für häretisch oder irrig. Ockham wurde unter anderem des Pelagianismus für schuldig befunden, und Papst Johannes XXII. hatte sich bereits 1325 gegen seine Lehre ausgesprochen. Dennoch kam es bis 1328 zu keinem Urteil; Ockham blieb als Angeklagter in Avignon, durfte sich aber frei bewegen.
Bruch mit dem Papst und Flucht zum Kaiser
Während des Prozesses war zugleich der Armutsstreit im Gang, in dem es um die von Franz von Assisi verlangte vollkommene Armut der Franziskaner ging. Papst Johannes XXII. verurteilte die Armutsthese als häretisch und geriet damit in Konflikt mit dem Ordensgeneral Michael von Cesena, den er nach Avignon zitierte. Michael überzeugte Ockham, dass die Armutsforderung berechtigt und drei päpstliche Verordnungen von 1322 bis 1324 häretisch gewesen seien; daraus zogen beide den Schluss, der Papst sei vom Glauben abgefallen. Als Johannes Michael das Verlassen Avignons verbot, flohen Michael, Ockham, Bonagratia von Bergamo und Franz von Marchia am 26. Mai 1328 nach Pisa, wo sie auf Kaiser Ludwig IV. den Bayern trafen, der sich bereits im Streit mit dem Papst befand.
Die Grenzen kaiserlicher und päpstlicher Macht
In Avignon war Ockham in päpstlichen Gewahrsam geraten, dem er 1328 zum Kaiser Ludwig dem Bayern entfloh. Die Konfrontation zwischen Kaiser und Papst ließ ihn über die Grundlagen weltlicher Gewalt nachdenken. Er verstand die kaiserliche Jurisdiktion als aus dem Konsens aller hervorgehendes Recht, nicht als reales Herrschaftsrecht. Da der Staat für ihn nur ein Universale ist, das im menschlichen Geist besteht, kann er kein Selbstzweck sein; sein Zweck ist das Wohl der Bürger. Der Kaiser erhält seine Kompetenz vom Volk, aber nur, um das Gemeinwohl zu fördern. Verstößt ein Herrscher dagegen, überschreitet er seinen Zuständigkeitsbereich, und es besteht keine Gehorsamspflicht mehr.
Die umgedeutete Kirche
Dieselben Kriterien wandte Ockham auch auf die Kirche an: Auch das Amt des Papstes ist nur legitim, weil es dem Nutzen aller dient. Dürfte der Papst tun, was ihm beliebt, wären alle Christen seine Sklaven. Seine Macht ist durch göttliches und Naturrecht sowie durch die Pflicht zum Wohl der Untergebenen begrenzt und betrifft in der Regel nur geistliche Angelegenheiten. Da Ockham den Papst für einen Häretiker hielt, suchte er ein von ihm unabhängiges Wahrheitskriterium; auch ein Konzil konnte dafür nicht genügen, da er es für irrtumsfähig hielt. Er definierte den Begriff Kirche um: Könnten alle Kleriker irren, müssten selbst wenige ungebildete Laien auf ihrem Standpunkt beharren und wären dann die Kirche. Sogar ein einziges Kind könnte, wenn alle anderen irrten, die wahre Kirche verkörpern.