Zweiter Prager Fenstersturz
Ereignis 1618, das den Dreißigjährigen Krieg zur Folge hatte
Der Streit um den Majestätsbrief
er Fenstersturz wirkte als Fanal während des Böhmischen Ständeaufstandes. Die überwiegend protestantischen Stände warfen ihrem katholischen Landesherrn und Kaiser Matthias sowie dem 1617 zum Nachfolger gewählten böhmischen König Ferdinand von Steiermark vor, die Religionsfreiheit der Protestanten zu verletzen. Diese hatte Kaiser Rudolf II. im Majestätsbrief von 1609 zugestanden. Ferdinand wurde nach 1619 auch Kaiser. Ausgelöst wurde die Empörung durch den Abriss der evangelischen Kirche in Klostergrab und die Schließung der St.-Wenzels-Kirche in Braunau.
Die Defensoren wurden seit dem Majestätsbrief von den protestantischen Ständen bestellt, um deren konfessionelle Rechte zu schützen und zu wahren. Sie beriefen für März 1618 eine protestantische Ständeversammlung ein. Obwohl viele Stände nicht erschienen, sandte der Protestantentag eine schriftliche Beschwerde an den Kaiser und forderte sein Vorgehen gegen die Verletzung verbriefter Religionsrechte. Ein kaiserliches Schreiben, das Kardinal Melchior Khlesl verfasste, lehnte diese Resolution scharf ab. Die Ständeversammlung wurde für ungesetzlich erklärt, weitere Versammlungen dieser Art wurden verboten. Das stieß bei den Ständen auf Empörung. Dem Schreiben zum Trotz versammelten sich die protestantischen Stände am 21. Mai 1618 erneut im Karolinum. Die kaiserlichen Statthalter ließen ein Edikt vorlegen, dem zufolge die Versammlung sofort aufgelöst werden sollte.
Der Sturz aus dem Fenster
Eine kleine Gruppe Eingeweihter plante daraufhin im Palast des Albrecht Jan Smiřický die Defenestration, wohl als Anspielung auf die vorangegangenen Fensterstürze im Prag des 15. Jahrhunderts von 1419 und 1483. Im Jahr 1483 hatten radikale Hussiten die Rathäuser von Alt- und Neustadt besetzt, die Stadträte erschlagen und die Leichen aus dem Fenster geworfen. Nach Auflösung der Ständeversammlung zogen am 23. Mai 1618 knapp 200 Vertreter der protestantischen Stände unter der Führung von Heinrich Matthias von Thurn zur Prager Burg. Nach einem improvisierten Schauprozess warfen sie die in der Böhmischen Hofkanzlei anwesenden Statthalter Martinitz und Slavata sowie den Kanzleisekretär Philipp Fabricius aus einem Fenster etwa 17 Meter tief in den Burggraben. Alle drei überlebten, einer von ihnen am Kopf verletzt.
Die weitverbreitete Erklärung, die Defenestrierten seien auf einem Misthaufen gelandet, dürfte eine anekdotische Erfindung späterer Zeiten sein. In den Erinnerungen der Beteiligten beider Parteien wird sie nicht erwähnt. Es ist auch unwahrscheinlich, dass sich im Burggraben ausgerechnet unter den Fenstern der Ratskanzlei ein Misthaufen befand. Die Legende dürfte die protestantische Antwort darauf sein, dass Katholiken die Rettung mit der Hilfe der Jungfrau Maria erklärten. Ursachen des glimpflichen Ausgangs dürften die damalige Mode und das kühle Wetter gewesen sein. Alle Beteiligten trugen weite schwere Mäntel, die den Fall stark dämpften. Die Fenster waren sehr klein, sodass die drei nicht mit Schwung nach draußen befördert werden konnten. Alle drei wehrten sich, Martinitz hielt sich noch am Sims fest. Die Außenwand unterhalb des Fensters ist etwas schräg.
Die böhmischen Ständevertreter waren verblüfft darüber, dass die drei den Sturz überstanden hatten. Sie schickten ihnen hastig einige Schüsse hinterher, die allesamt ihr Ziel verfehlten, da die Schützen durch das Gedränge an den Fenstern am sauberen Zielen gehindert wurden. Unterschlupf und Schutz fanden die Statthalter anschließend bei der katholischen Adeligen Polyxena von Lobkowicz. Unmittelbar nach dem Fenstersturz wurde der Rat der Defensoren in ein Direktorium umgewandelt. Der Protestantentag konstituierte sich am 24. Mai als Landtag, wählte eine Regierung aus 30 Direktoren und beschloss die Aufstellung einer eigenen Armee.
Aufstand und Konföderation
Der Fenstersturz löste den Aufstand der protestantischen böhmischen Stände gegen die katholischen Habsburger aus. Die Stände erklärten den böhmischen König für abgesetzt, wählten eine eigene Regierung und suchten ausländische Verbündete für die zu erwartende kriegerische Auseinandersetzung. Ihnen schlossen sich auch die Stände in Mähren, der Nieder- und Oberlausitz sowie Nieder- und Oberösterreichs an. Zusammen erklärten sie das Königreich Böhmen zur Böhmischen Konföderation, in der die Länder der Böhmischen Krone unter einem frei gewählten König gleichberechtigt sein sollten. Das Defenestrieren war eine härtere Version des Werfens eines Fehdehandschuhs, eine Kriegserklärung an den Kaiser. Der Fenstersturz gilt als Auslöser des Dreißigjährigen Krieges von 1618 bis 1648.