Translatio imperii
politische Theorien des Mittelalters
Die Vier-Reiche-Lehre und ihr Fortleben
rundlage der translatio imperii ist die Vier-Reiche-Lehre aus dem Buch Daniel. Hieronymus ordnete die Reiche Babylon, Persien, Griechenland und Rom zu, wonach nach dem letzten Reich das Weltende folgen sollte. Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches im Jahr 476 bestand das oströmische beziehungsweise byzantinische Reich weiter. Nach der osmanischen Eroberung von Konstantinopel im Jahr 1453 sahen sich die Sultane in dessen Kontinuität; Sultan Mehmed II. brachte das durch die Übernahme des Kaisertitels zum Ausdruck. Auch die Vorstellung von Moskau als drittem Rom wird mit der translatio imperii verglichen, sie taucht jedoch erst nach 1500 auf.
Vom Frankenreich zum Heiligen Römischen Reich
Nach der Kaiserkrönung Karls des Großen durch Papst Leo III. am 25. Dezember 800 wurde im Westen die Idee eines erneuerten Römerreichs vertreten. Belege für einen Übergang der Kaiserwürde auf die Franken gibt es erst um die Mitte des 9. Jahrhunderts. Nach dem Zerfall des Frankenreichs trat das Ostfrankenreich an dessen Stelle; sein Herrscher Otto I. erlangte 962 die Kaiserwürde. Die Vorstellung einer Nachfolge des Römerreichs kam erst im Laufe des 10./11. Jahrhunderts auf, seit dem 13. Jahrhundert hieß das Reich Heiliges Römisches Reich. Die römisch-deutschen Herrscher beriefen sich noch im Spätmittelalter auf die antiken Imperatoren. Nach der kurialen Translationstheorie durfte das Kaisertum nur durch den Papst übertragen werden, gestützt auch auf Justinians I. Corpus iuris civilis, das Kaiser Lothar der Legende nach wiederentdeckt habe. Otto von Freising entwarf eine eigene Reichsfolge, die im Heiligen Römischen Reich endete.
Neue Großmächte in der Tradition Roms
In der Neuzeit setzten sich die aufstrebenden Großmächte Spanien im 16. Jahrhundert, Frankreich im 17. Jahrhundert und England ebenfalls im 17. Jahrhundert in die Tradition der translatio imperii, teils im Glauben, als fünftes Reich das Königreich Gottes zu verwirklichen, teils ohne diesen apokalyptischen Bezug. Hinzu trat die Vorstellung einer zivilisatorischen Westwanderung, dem Lauf der Sonne folgend, wonach sich das zivilisatorische Zentrum immer weiter nach Westen verschoben habe, etwa von Persien über Griechenland und Rom nach Spanien oder nach England. Diese Auffassung war besonders in den jungen Vereinigten Staaten verbreitet.
Das fünfte Reich in Amerika
Die ehemaligen Kolonisten sahen sich und ihre Staatsform den absolutistischen Systemen der Alten Welt überlegen und leiteten daraus einen Übergang der Zivilisation vom englischen Empire auf das fünfte Reich, god's own country, ab. Für den Aufbau eines mit den Vorgängerimperien vergleichbaren Reiches war eine weitere Besiedlung des amerikanischen Kontinents nötig. Als Rechtfertigung für den amerikanischen Imperialismus um 1900 wurde die Idee wieder aufgegriffen, das Licht der Zivilisation weiter nach Westen über den Pazifik, etwa auf die Philippinen, zu tragen. Vertreter des Gedankens eines fünften Reichs in Amerika waren George Berkeley und Josiah Strong.